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Was die Preistafel an der Tankstelle wirklich zeigt

Steigende Energiepreise verändern das Verhalten der Menschen. Doch statt diese Anpassung zu stärken, wird ihre Wirkung politisch abgeschwächt.

An den Tankstellen steigen die Preise derzeit wie die Anzeige eines Fieberthermometers. Der Patient ist der Nahe Osten. Dort kämpft im Iran ein Regime um seine Existenz, das seit 47 Jahren keine freie Selbstbestimmung seiner Bevölkerung akzeptiert. Er ist längst eine akute Bedrohung für den gesamten Nahen Osten geworden. Die USA und Israel haben militätisch interveniert, das Regime schlägt zurück. Es bombardiert Nachbarn und blockiert internationale Gewässer - die Ursache für den Preisanstieg bei Gas und Öl.

Es ist nicht das erste Mal, dass Gas- und Ölpreise als Waffe eingesetzt werden.

In den 1970er Jahren nutzten die ölproduzierenden Staaten ihre Macht gezielt, um politische Ziele durchzusetzen. Die Fördermengen wurden reduziert, die Preise vervielfachten sich innerhalb kurzer Zeit. Die Auswirkungen waren unmittelbar spürbar: leere Straßen an autofreien Sonntagen, lange Schlangen vor den Tankstellen, eine plötzliche Sensibilität für Energieverbrauch im Alltag. Was zuvor selbstverständlich war, wurde knapp – und genau diese Knappheit zwang die Gesellschaft, sich anzupassen. Und das war gut so.

Diese Sensibilität für den Energieverbrauch bemerkt man auch heute, wenn man genauer hinschaut.

Man fährt nicht mehr selbstverständlich jede kurze Strecke mit dem Auto, sondern überlegt, ob es auch zu Fuß oder mit dem Fahrrad geht. Man weiß, an welcher Tankstelle es ein paar Cent günstiger ist, und passt seine Wege entsprechend an. Dienstfahrten werden hinterfragt, Termine häufiger digital erledigt. Und selbst im Kleinen taucht die Frage auf: Brauche ich das jetzt wirklich, oder geht es auch anders? Es sind viele kleine Entscheidungen, die zeigen, dass Menschen auf steigende Preise reagieren – oft schneller und pragmatischer, als man es ihnen zutraut.

Das hat, ganz nebenbei, Auswirkungen auf unsere Umwelt.

Weniger Fahrten, Fahrgemeinschaften und angepasste Fahrweise bedeuten weniger Verbrauch von Treibstoffen – und damit weniger Emissionen. Straßen sind zu bestimmten Zeiten entlastet, Lärm und Abgase nehmen ab. Wer Wege bündelt oder vermeidet, spart nicht nur Geld, sondern reduziert den Energiebedarf. Jeder eingesparte Liter Benzin muss weder gefördert noch transportiert noch verbrannt werden. Die Wirkung ist unspektakulär, aber real – und sie entsteht nicht durch Programme, sondern durch viele einzelne Entscheidungen.

So gesehen können einem diese Preiserhöhungen relativ gleichgültig sein, wenn man zu denen gehört, die ihr Verhalten anpassen. Wäre da nicht eine andere Reaktion, die beunruhigt:

Der Ruf nach Subventionen – und die Antwort der Politik

Der Ruf nach Entlastung ist laut. Doch er zielt in eine andere Richtung als die Erfahrung, die viele gerade machen. Statt die Anpassung zu verstärken, soll der Preisdruck abgefedert werden. Statt Verhalten zu verändern, sollen die Folgen gemildert werden. In den Nachrichten ist von milliardenschweren Entlastungspaketen die Rede, die den Kraftstoffpreis für alle senken sollen.

Subventionen verlagern die Lasten – sie lösen das Problem nicht. Werden sie über Schulden finanziert, schwächen sie andere Aufgaben und damit das Land.

Allenfalls wäre Unterstützung dort denkbar, wo sie für alle wirkt, etwa im Transportsektor. Aber auch dort bleiben Subventionen ein Mittel, das Symptome dämpft, ohne Ursachen zu beseitigen.

Ein fundamentaler Widerspruch wird sichtbar. Seit Jahren wird dazu aufgerufen, Energie bewusster zu nutzen, Emissionen zu reduzieren und Alternativen zu stärken. Jetzt, in dem Moment, in dem diese Anpassung sichtbar beginnt, wird ihr Anreiz abgeschwächt. Wie passt das zusammen?

In den 1970er Jahren wurde die Knappheit sichtbar – und die Gesellschaft reagierte darauf. Heute wird versucht, sie zu überdecken, obwohl die richtige Reaktion bereits begonnen hat.

Damit steht nicht nur eine einzelne Maßnahme zur Debatte, sondern eine grundsätzliche Frage:

Wie erklärt die heutige Politik diesen Widerspruch zwischen dem, was sie fordert, und dem, was sie tut?

Vielleicht damit, dass schon in den letzten Jahrzehnten zwiespältig argumentiert und gehandelt wurde? Denn das ist kein neues Versagen. Die Abhängigkeit von billigem Importgas wurde von Kohl begonnen, von Schröder vertieft, von Merkel über sechzehn Jahre stabilisiert – und von keiner Partei grundsätzlich in Frage gestellt. CDU, SPD, FDP, Grüne: alle haben diesen Kurs mitgetragen oder mitgeschwiegen. Wer heute nach Subventionen ruft, setzt dieselbe Logik fort: kurzfristige Entlastung statt struktureller Ehrlichkeit. Der Widerspruch ist nicht versehentlich entstanden – er ist das Ergebnis einer politischen Klasse, die Anpassung fordert, aber Unbequemlichkeit vermeidet.

Nicht die Preise sind das Problem, sondern der Umgang mit ihnen.

Gute Politik müsste diesen Kurs ändern.