Wer bezahlt eigentlich den Iran-Krieg?

Die Ölrechnung kennt Gewinner und Verlierer. Den höchsten Preis zahlt, wer in keiner Ölstatistik auftaucht.

9. Oktober 2026 · Rolf Weidemann

Auch auf: English · Français

Am 6. Oktober meldete Reuters1, dass die Ölexporte aus dem Persischen Golf wieder deutlich zugenommen haben. Im September flossen aus Saudi-Arabien, Kuwait, Katar, Oman, Bahrain, dem Irak und den Vereinigten Arabischen Emiraten im Schnitt 19,2 Millionen Barrel pro Tag. Im Jahr vor Kriegsbeginn am 28. Februar waren es rund 23,6 Millionen.

Das sind 81 Prozent des Vorkriegsniveaus. Iran fehlt in dieser Rechnung: Seine Exporte sind unter der amerikanischen Blockade auf null gefallen.

Das klingt nach Normalisierung. Und es legt eine Vermutung nahe, die ich selbst zunächst hatte.

Die naheliegende Vermutung

Die Golfstaaten verkaufen etwa ein Fünftel weniger Öl, erzielen dafür aber einen deutlich höheren Preis. Rechnet man mit 20 Prozent weniger Menge und 60 Prozent mehr Preis, bleibt ein Plus von fast 30 Prozent. Die Golfstaaten wären demnach die eigentlichen Gewinner des Krieges.

Diese Rechnung ist zu grob. Sie vermischt Länder, Zeitpunkte und Produkte.

Vor dem Krieg kostete ein Barrel Brent rund 70 Dollar2. Im März, April und Mai lag der Monatsdurchschnitt jeweils über 100 Dollar, im April sogar bei 117 Dollar. Genau in diesen Monaten aber kam viel weniger Öl aus dem Golf.

Die Förderung der sechs großen Golfproduzenten fiel bis Ende Mai von 24,2 auf 12,4 Millionen Barrel pro Tag3, also fast auf die Hälfte. Die Ölexporterlöse des Irak sanken von 6,8 Milliarden Dollar im Februar auf eine Milliarde im April.

Hoher Preis und hohe Menge fielen über weite Strecken dieses Krieges nicht zusammen.

Erst im September gab es beides wieder: hohe Preise und deutlich erholte Mengen. Brent kostete im Monatsdurchschnitt 114 Dollar2. Verglichen mit Januar und Februar, als es rund 69 Dollar waren, ergibt sich trotz 19 Prozent weniger Menge ein Brutto-Plus von etwa einem Drittel. Bei Rohöl allein, das wieder 91 Prozent des Vorkriegsniveaus erreichte1, sind es etwa 50 Prozent.

Das ist erheblich. Aber es ist ein später Teilausgleich nach Monaten schwerer Ausfälle, kein Gewinn über die gesamte Kriegsdauer.

Brent-Preis 2026: hoch im Frühjahr bei eingebrochenen Golfexporten, wieder hoch im September

Der Golf zerfällt in zwei Lager

Die Durchschnittszahl verdeckt das Entscheidende. Gewonnen oder verloren hat am Golf, wer einen Weg an der Straße von Hormus vorbei hatte – oder eben keinen.

Schematische Karte des Golfs mit den Pipelines nach Yanbu und Fujairah

Die Vereinigten Arabischen Emirate leiten einen Teil ihres Rohöls über eine Pipeline zum Hafen Fujairah am Golf von Oman. Im Juni exportierten sie mehr als 3,9 Millionen Barrel pro Tag4, knapp unter ihrem höchsten Wert seit 2017. Oman liegt ohnehin außerhalb der Meerenge.

Saudi-Arabien steht dazwischen. Über die Pipeline zum Roten Meer konnte das Königreich weiter liefern. Im März erreichten seine Ölexporterlöse mit rund 24,6 Milliarden Dollar3 den höchsten Stand seit 2022. Doch die Ausgaben steigen schneller als die Einnahmen. Riad rechnet inzwischen mit einem Haushaltsdefizit von 4,9 Prozent der Wirtschaftsleistung und einer um 3,6 Prozent schrumpfenden Wirtschaft5.

Auf der anderen Seite stehen Irak, Kuwait, Katar und Bahrain. Kuwait und Katar exportierten ab April zeitweise gar kein Rohöl mehr, der Irak lag im Juni bei null6. Der Internationale Währungsfonds erwartete für Katar einen Einbruch der Wirtschaftsleistung um 8,6 Prozent, für den Irak um 6,8 Prozent7.

„Die Golfstaaten“ als Kriegsgewinner gibt es nicht. Es gibt Länder mit Exportwegen und Länder ohne.

Die USA: Öl, Waffen und Kriegskosten

Amerikanische Energieunternehmen profitieren von den höheren Weltmarktpreisen. Im April wurden die USA auf Wochenbasis erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg Nettoexporteur von Rohöl8. Die Exporte von Rohöl und Ölprodukten erreichten einen Rekord von 14,18 Millionen Barrel pro Tag.

Das bedeutet nicht automatisch, dass „die USA“ als Ganzes verdienen. Öl, das amerikanische Produzenten im eigenen Land teurer verkaufen, ist zunächst eine Umverteilung: Was der Produzent mehr einnimmt, zahlt der Verbraucher mehr. Für die Volkswirtschaft als Ganzes zählen vor allem die Nettoexporte. Allein den Zusatzerlös aus Rohölexporten schätzt die Umweltorganisation Oil Change International für 2026 auf rund 38 Milliarden Dollar9, Ölprodukte und Flüssiggas nicht eingerechnet.

Dazu kommt ein zweites Exportgeschäft. Von Januar bis Juni kündigte Washington Rüstungsverkäufe an die Golfstaaten im Wert von 41 Milliarden Dollar an, im ganzen Jahr 2025 waren es neun Milliarden10. Den größten Teil machen Luftverteidigung und Abfangraketen aus: Die Golfstaaten bezahlen ihren Schutz vor iranischen Raketen und Drohnen zu einem guten Teil in den USA.

Dem stehen die Kriegskosten gegenüber. Das Congressional Budget Office schätzt die Kosten des Pentagon bis zum 1. August auf rund 38 Milliarden Dollar11, dazu je nach Intensität zwei bis drei Milliarden pro Monat.

Unter dem Strich dürften die USA als Volkswirtschaft eher gewinnen. Gewinner sind Ölproduzenten, Exporteure und Rüstungsfirmen. Bezahlt haben Verbraucher und Steuerzahler.

Die stillen Gewinner

Die klarsten Gewinner unter den Ölstaaten sitzen dort, wo kein Schuss fällt.

Norwegen trägt kein Kriegsrisiko, braucht keine Umwege und hat keine Kriegskosten. Es verkauft Öl und Gas zu Kriegspreisen. Die Regierung in Oslo hob ihre Prognose für die Staatseinnahmen aus Öl und Gas 2026 von 557 auf 721 Milliarden Kronen an12. Im März lagen die norwegischen Rohölexporterlöse um 68 Prozent über dem Vorjahr13.

Bei Russland ist das Bild gemischter. Der Krieg kam für Moskau in einer Schwächephase. Von März bis Juni brachte er nach einer Schätzung des Ökonomen Marek Dabrowski rund 13,5 Milliarden Euro zusätzlich14. Danach verpuffte der Effekt. Über die ersten neun Monate lagen Russlands Öl- und Gaseinnahmen sogar 17 Prozent unter dem Vorjahr15. Kein klarer Gewinner also, aber einige Monate Entlastung zur rechten Zeit.

Wer die Ölrechnung bezahlt

Bezahlt wird sie von den Importländern. Der IWF nennt Ägypten, Jordanien und den Libanon, die doppelt getroffen werden: über ihre Energieimporte und über die Überweisungen ihrer Arbeitskräfte am Golf16.

Sie wird bezahlt von den Verbrauchern, auch in Exportländern. In den USA kostete eine Gallone Diesel Anfang Oktober 6,20 Dollar17.

Und sie wird bezahlt von den öffentlichen Haushalten: in Washington, in Riad und in den europäischen Hauptstädten, die Verbraucher und Unternehmen gegen hohe Energiepreise abfedern.

So weit die Rechnung, die sich in Dollar aufstellen lässt. Sie ist nicht falsch. Aber sie hat einen blinden Fleck, und den habe ich lange übersehen.

Der blinde Fleck

In dieser Rechnung fehlt das iranische Volk. Es zahlt mit Geld, mit Leben und mit seiner Zukunft.

Zahlen zu Toten, Verletzten, Vertriebenen, Arbeitsplätzen, Inflation und Festnahmen in Iran

Mit Geld: Irans Ölexporte sind auf null gefallen1. Schon in den ersten zwei Kriegsmonaten gingen nach Angaben des stellvertretenden Arbeitsministers rund eine Million Arbeitsplätze verloren18, zwei Millionen weitere Beschäftigte verloren Stunden oder Einkommen. Der IWF erwartet für 2026 eine Inflation von fast 69 Prozent, die höchste seit der Revolution von 197919. In Teheran hat sich der Brotpreis binnen eines Jahres verdoppelt. Eine vierköpfige Familie gibt rund 70 Prozent ihres Einkommens für Grundnahrungsmittel aus.

Mit Leben: Allein in den ersten 40 Kriegstagen starben nach Angaben des iranischen Gesundheitsministeriums 3.468 Menschen, nach Zählung der Menschenrechtsorganisation Hengaw mindestens 7.65020. Mehr als 26.500 wurden verletzt, 3,2 Millionen vertrieben, rund 100.000 Wohnungen beschädigt.

Mit seiner Zukunft: Die Regierung selbst beziffert die direkten und indirekten Kriegsschäden auf 270 Milliarden Dollar18. Diese Last wird das Land noch tragen, wenn die Waffen längst schweigen. Die Inflation frisst schon jetzt die Ersparnisse auf.

Die Bomben und Raketen, die diese Opfer gefordert haben, kamen aus den USA und Israel. Das gehört zur Wahrheit. Aber wer wissen will, warum das iranische Volk diesen Preis Monat für Monat weiterzahlt, muss auf die eigene Regierung schauen.

Im Juni lag ein Ausweg auf dem Tisch. Ein Rahmenabkommen brachte eine Waffenruhe, die USA hoben ihre Seeblockade auf und lockerten die Sanktionen gegen den Ölsektor. Iran hätte wieder Öl verkaufen können. Anfang Juli griff Iran erneut Handelsschiffe in der Straße von Hormus an21. Die USA nahmen ihre Angriffe wieder auf und verhängten die Blockade erneut, Mitte August lief das Abkommen aus. Teheran wirft Washington vor, die Vereinbarung gebrochen zu haben. Seine Bedingungen für eine Öffnung der Meerenge heißen heute: Durchfahrtsgebühren und Reparationen.

Im eigenen Land führt das Regime derweil einen zweiten Krieg. Bis Ende Mai wurden nach Angaben von Amnesty International mehr als 6.000 Menschen willkürlich festgenommen und mindestens 39 aus politischen Gründen hingerichtet22. 88 Tage lang war das Internet für mehr als 90 Millionen Menschen abgeschaltet, die längste landesweite Sperre, die je verzeichnet wurde. Schon im Januar, vor dem Krieg, hatte das Regime Proteste niedergeschlagen, die nach dem Absturz des Rial begonnen hatten. Ein iranischer Regierungsvertreter sprach von 5.000 Toten, darunter 500 Sicherheitskräfte23.

Ein Regime, das so mit dem eigenen Volk umgeht, rechnet anders als die Statistiken in diesem Text. Exporterlöse, Arbeitsplätze, Menschenleben: All das zählt für diese Regierung nur, soweit es ihrer Macht dient. Sie kennt nur eine Größe, die nicht verhandelbar ist: das eigene Überleben. Jeder Schaden für das Land ist ein Preis, den sie zu zahlen bereit ist, solange andere ihn bezahlen.

Damit lässt sich die Frage aus dem Titel beantworten. Ölstaaten mit sicheren Exportwegen gewinnen. Importländer, Verbraucher und Steuerzahler zahlen einen spürbaren Preis.

Den höchsten Preis aber zahlt das iranische Volk – mit seinem Geld, mit seinem Leben und mit seiner Zukunft. Es zahlt für einen Krieg, in dem seine eigene Regierung nur ein Ziel verfolgt: an der Macht zu bleiben.

Wie lange wird ein Volk die Rechnung für das Überleben seines Regimes bezahlen?

Eine frömmelnde Machtelite hält sich ein Wächterpersonal gegen das eigene Volk. Es schützt nicht den Glauben, sondern ihre Zwangsherrschaft.

Dafür wird die Zukunft einer ganzen Generation zerstört. Ein erzwungener Machtzustand hält aber nicht auf Dauer; früher oder später zerfällt er.

Das ist politische Mechanik.

Quellen

  1. Reuters: Gulf oil flows rise to average 81% of pre-war rate in September, 6. Oktober 2026 Archiv
  2. EIA: Europe Brent Spot Price, Monatswerte Archiv
  3. Rystad Energy via AJOT: 1 billion barrels of lost crude supply Archiv
  4. Financial News: UAE Oil Exports Hit Record High, 2. Juli 2026 Archiv
  5. Semafor: Saudi Arabia sees deeper budget deficits ahead, 1. Oktober 2026 Archiv
  6. Wood Mackenzie: Saudi Arabia’s Red Sea crude bypass Archiv
  7. IWF via Arab News: IMF cuts MENA growth forecast Archiv
  8. Reuters via Kitco: US becomes net crude exporter, 29. April 2026 Archiv
  9. Oil Change International: Deal or no deal Archiv
  10. AGBI: US approves $41bn of arms sales to GCC, Juli 2026 Archiv
  11. Congressional Budget Office Archiv
  12. Reuters: Norway raises oil, gas revenue forecast, 12. Mai 2026 Archiv
  13. OilPrice: Norway’s Oil Export Earnings Surge 68% Archiv
  14. EU Perspectives: Iran war bought Moscow a few months Archiv
  15. Reuters: Russia’s oil earnings fall despite price jump, 5. Oktober 2026 Archiv
  16. AGBI: IMF details Iran war’s disparate impact on Mena, April 2026 Archiv
  17. EIA: Gasoline and Diesel Fuel Update Archiv
  18. Alhurra: The Bill Arrives, 30. April 2026 Archiv
  19. RFE/RL via OilPrice: Iran’s Economy Is Buckling Under the Weight of War, 14. August 2026 Archiv
  20. NIAC: Civilian Casualties and Housing Damage in Iran Archiv
  21. blue News: U.S.-Iran framework agreement expires, 17. August 2026 Archiv
  22. Amnesty International: How Iran is using war as a shield for systematic repression, 28. Mai 2026 Archiv
  23. All India Radio: Iran’s death toll reaches 5,000 in nationwide protests, 19. Januar 2026 Archiv
  24. Energynews: Brent Crude Tops $100, September 2026 Archiv