Amerika braucht kein Öl der Golfstaaten. Braucht es trotzdem Dieselkraftstoff – ausgerechnet aus Russland?

14. Oktober 2026 · Rolf Weidemann

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Eine Kriegsrente für die USA

Im April exportierten die USA so viel Rohöl und Ölprodukte wie nie zuvor, 13,6 Millionen Barrel pro Tag1. Dass die Inlandspreise trotzdem stiegen, ist kein Komplott. In einem offenen Exportmarkt ist es der Weltmarktpreis, der den Inlandspreis mit nach oben zieht.

Treibt ein Krieg wie der gegen den Iran die Weltmarktpreise in die Höhe, entsteht in den USA eine sogenannte „Kriegsrente“. Das ist Geld, das von Verbrauchern, Farmern und Spediteuren zu Raffinerien, Exporteuren und Aktionären fließt. Dass daneben auch die Rüstungsindustrie verdient, gehört zu jedem Krieg2. Hier geht es um etwas anderes: um Trump und den Dieselpreis im eigenen Land.

Exxon verdoppelte im zweiten Quartal 2026 seinen Gewinn auf 14,5 Milliarden Dollar, Chevron vervierfachte ihn fast3. Die Raffineriekonzerne Marathon, Phillips 66 und Valero verdienten zusammen 12,6 Milliarden Dollar, nach 2,9 Milliarden im Vorjahr. 6,3 Milliarden gingen an die Aktionäre4. Diesel kostete in den USA im September den Rekordpreis von 6,52 Dollar pro Gallone5.

Wer lässt das zu, und wer gleicht es aus?

Laute Worte, keine Folgen

Trump schweigt nicht. Im August sagte er über Chevron und Exxon: „Zu viel Geld, zu viel Geld.“ Sie sollten „etwas davon an die Öffentlichkeit zurückgeben“6. Ende August warf er den Raffinerien Wucher vor und lud sie ins Weiße Haus7. Folgen für die Branche hatte das keine.

Gehandelt hat er dann an anderer Stelle. Er gab Öl aus der strategischen Reserve frei, bis sie fast so leer war wie 19838. Ein Exportverbot für Diesel, das er im September selbst befürwortet hatte, legte er nach Widerstand der Branche zu den Akten9. Anfang Oktober holte er es als Drohung wieder hervor, diesmal gegen Europa. Nach Berichten sollten Deutschland, Frankreich, Italien, Irland und Großbritannien ihre Notreserven öffnen, sonst bekämen sie keinen amerikanischen Diesel mehr10. Europa gab nach. Am 2. Oktober beschlossen die G7, 100 Millionen Barrel Diesel und Rohöl aus Notreserven freizugeben. Danach erklärte Trump, ein Exportverbot werde es nicht geben11.

Eine Übergewinnsteuer, wie Europa sie 2022 erhob, ist in den USA kein Thema. Entwürfe der Demokraten liegen seit März vor, bis Juli hatte sich kein Ausschuss damit befasst12.

Trump handelt überall, nur nicht dort, wo das Geld der Kriegsrente hinfließt.

Diesel aus Russland

Die Schuld an den Dieselpreisen sucht Trump in Kiew, nicht im Iran-Krieg13. Ende September stellte der Kreml seine Bedingung: Russland werde wieder Diesel ausführen, wenn die Sanktionen fallen14. Am 9. Oktober verkündete Trump nach einem Telefonat mit Putin den neuen Deal: russischer Diesel für die USA, die Sanktionen dafür bis April 2027 gelockert5.

Doch Russland kann kaum liefern. Ukrainische Drohnen trafen in den ersten acht Monaten im Schnitt alle drei Tage eine russische Raffinerie. Die Dieselproduktion ist um fast 30 Prozent gefallen, Russland führt selbst Benzin ein15. Die angekündigte erste Menge von 300 000 Tonnen deckt knapp zwei Stunden des weltweiten Dieselverbrauchs. Analysten erwarten für die Preise „wahrscheinlich nicht viel“, für Putin aber „einen großen Gewinn“5.

Der Diesel ist hier nicht die Ware, sondern das Pfand. Jede künftige Lieferung setzt voraus, dass Russlands Raffinerien nicht mehr brennen.

Dem Deal steht zudem ein Gesetz entgegen. Seit April 2022 verbietet der Ending Importation of Russian Oil Act die Einfuhr russischer Energie in die USA. Aufheben darf der Präsident das Verbot nur nach Rücksprache mit dem Kongress und nur, wenn er bescheinigt, dass Russland mit Zustimmung der Ukraine den Abzug seiner Truppen und das Ende der Kämpfe vereinbart hat, kein NATO-Land bedroht und das Recht der Ukrainer anerkennt, ihre Regierung frei zu wählen16. Nichts davon ist geschehen. Das Finanzministerium hält die Lockerung trotzdem für rechtmäßig, ohne zu sagen, worauf es sich stützt. Sieben Senatoren beider Parteien, darunter vier Republikaner, halten den Deal für gesetzwidrig17.

Das Gesetz verlangt Frieden, bevor Amerika wieder russische Energie kauft. Trump dreht die Reihenfolge um.

Die Rechnung verlagert sich nach Kiew und nach Europa

Am 10. Oktober verlangte Trump, Selenskyj müsse mit den Angriffen auf Raffinerien „verdammt noch mal aufhören“. Die Ukraine brauche „einen neuen Präsidenten“, einen, „der einen Deal machen kann“13. Zwei Tage später verkündete er eine „Energie-Waffenruhe“, die für Selenskyj nach eigenen Worten neu war18.

Die Angriffe auf Raffinerien sind aber Kiews wirksamstes Mittel gegen die russische Kriegskasse. Die Ukraine kämpft damit um ihre Existenz. Nun werden die Angriffe zum Verhandlungsgegenstand, weil der Dieselpreis vor den Kongresswahlen am 3. November für Trump gefährlich wird. Sucht Washington in Kiew womöglich einen Nachfolger, mit dem Moskau gut leben kann? Belegt ist das nicht. Die Frage drängt sich trotzdem auf.

Das Gesetz von 2022 verlangt von Russland, das Recht der Ukrainer anzuerkennen, ihre Regierung frei zu wählen. Trump verlangt von der Ukraine einen neuen Präsidenten.

Europa zahlt auch: mit seinen Notreserven, mit seiner Hilfe für die Ukraine und mit der Glaubwürdigkeit seiner Sanktionen. Zugleich sprachen Trumps Gesandter Jared Kushner und Putins Vertrauter Kirill Dmitriev öffentlich über einen amerikanischen Investor für Nord Stream, über die Köpfe Berlins hinweg19.

Außenminister Johann Wadephul stellte sich hinter Selenskyj und forderte mehr Druck auf Putin, nicht weniger20.

Was Europa daraus lernen muss

Ob der Diesel-Deal amerikanisches Recht bricht, müssen Kongress und Gerichte in Washington entscheiden. Europas Frage ist eine andere: Warum zahlt es für einen Dieselpreis, der in Amerika zum Wahlkampfthema geworden ist?

Die erste Lehre ist nicht neu. 2022 musste Europa erfahren, dass Abhängigkeit von russischem Gas zur Waffe wird. Seitdem ist es stärker auf amerikanischen Diesel angewiesen, Großbritannien bezieht rund 30 Prozent seines Diesels aus den USA10. Diesmal wurde aus der Abhängigkeit in wenigen Tagen ein Druckmittel. Europa braucht mehr eigene Raffineriekapazität und mehr als einen Lieferanten.

Die zweite: Das Embargo der EU für russische Ölprodukte gilt seit Februar 2023. Brüssel sollte klar sagen, dass es bleibt, gleich was Washington lockert.

Die dritte: Ob die Ukraine russische Raffinerien angreift, entscheidet Kiew. Eine „Energie-Waffenruhe“ über ihren Kopf hinweg darf Europa nicht mittragen. Aus Wadephuls Rückendeckung für Selenskyj sollte eine gemeinsame europäische Haltung werden.

Die vierte: Über Nord Stream entscheiden Berlin und Brüssel, nicht ein Gesandter aus Washington und ein Vertrauter aus Moskau.

Bilanz: Wer zahlt, wer gewinnt, wer ist der lachende Dritte?

Die amerikanischen Verbraucher zahlen an der Zapfsäule, die Steuerzahler mit der geleerten Ölreserve, die sie wieder auffüllen müssen. Europa zahlt mit seinen Notvorräten und einer geschwächten Sanktionsfront. Die Ukraine zahlt mit ihrem militärischen Spielraum. Russland bekommt die Möglichkeit, aus seiner Treibstoffschwäche ein Druckmittel gegen die Ukraine zu machen. Und China kann zusehen, wie der einst einige Westen über Dieselpreise uneins wird.

Nur eine Gruppe zahlt nicht.

„Das goldene Zeitalter Amerikas beginnt genau jetzt“, versprach Donald Trump bei seinem Amtsantritt im Januar 2025. Für eine Branche hat es mit dem Krieg gegen den Iran begonnen.

Für die amerikanische Ölindustrie.

Quellen

  1. EIA: U.S. exports of crude oil and petroleum products reached record in April, 8. Juli 2026 Archiv
  2. Reuters via bdnews24: Lockheed Martin, RTX lift 2026 forecasts as Pentagon looks to restock weapons, 24. Juli 2026 Archiv
  3. AP via OPB: Major oil companies reap massive profits, 31. Juli 2026 Archiv
  4. Reuters via Hydrocarbon Processing: Top US refiners see profits soar, 12. August 2026 Archiv
  5. AP: Trump says US to get diesel from Russia, 9. Oktober 2026 Archiv
  6. CBS News: Trump says oil companies made „too much money“, 3. August 2026 Archiv
  7. Reuters via AJOT: Trump to host oil executives after accusing refiners of gouging, 31. August 2026 Archiv
  8. Al-Monitor: US strategic oil stockpile nears four-decade low, Juni 2026 Archiv
  9. Roic News: White House presses refiners on voluntary diesel export curbs, 24. September 2026 Archiv
  10. Al Jazeera: Trump vs Europe as US presses for release of emergency diesel stocks, 2. Oktober 2026 Archiv
  11. Reuters via Investing.com: G7 countries agree on release of diesel and oil stocks after US pressure, 2. Oktober 2026 Archiv
  12. Hoodline: Capitol Hill targets Big Oil’s wartime jackpot, Juli 2026 Archiv
  13. Al Jazeera: Trump says Ukraine needs a new president, 10. Oktober 2026 Archiv
  14. S&P Global: Russia says sanctions should be lifted for it to satisfy international diesel demand, 25. September 2026 Archiv
  15. IEA: Russian refining sector struggles amid intensifying Ukrainian attacks, 17. September 2026 Archiv
  16. Public Law 117-109: Ending Importation of Russian Oil Act, 8. April 2022 Archiv
  17. TIME: Lawmakers argue Trump’s Russia diesel deal „violates“ the law, 13. Oktober 2026 Archiv
  18. ABC News Australia: Trump announces Russia-Ukraine energy ceasefire, 12. Oktober 2026 Archiv
  19. Reuters via Cyprus Mail: US and Russia discuss American investment in Nord Stream, 8. Oktober 2026 Archiv
  20. RBC-Ukraine: Germany responds to Trump’s call for Ukraine to elect new leader, 11. Oktober 2026 Archiv